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mit Berichten und Bildern über und um den
RV Opel 1888 Rüsselsheim e.V.

Informationen und Bilder aus dem Jahr 1980
Letzte Aktualisierung 17.02.2013

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August 1980

Rüsselsheimer Echo vom 3. August 1980

Rüsselsheimer, von denen man sprach:

Kommt noch eine dritte Blütezeit des RV Opel?

In den dreißiger und sechziger Jahren lehrten Rüsselsheimer Radballer der Konkurrenz das Fürchten.

von Bernd Amesreiter

Als unlängst ein Besucher - oder sollte man besser sagen ein früherer Bürger Rüsselsheims? - nach langer, informativer Unterhaltung über die jüngste Geschichte seiner alten Heimatstadt seinen Gastgeber nach dem RV Opel 1888 befragte, geriet dieser in arge Verlegenheit. Nicht, daß er, der Einheimische, das sportliche Geschehen in seiner Stadt ignoriere, nein, aber lagen die großen Erfolge dieses Vereins nicht 15, sogar 50 Jahre zurück?

Er habe oft an die zwanziger Jahre gedacht, erzählte der Gast, als er, noch ein Kind, mit seinen Eltern den "Frankfurter Hof" am Bahnhof aufsuchte. Seine Neugierde habe ihn damals in den Saal der Gaststätte gelockt, aus dem seltsame Geräusche drangen: das Quietschen von Reifen, Aufschlagen eines trägen Balles und dazwischen temperamentvolle Kommandorufe. Als er die Tür öffnete, sah er kühne Männer auf umgebauten Fahrrädern einem Ball nachjagen. Sie fuhren vorwärts, rückwärts, blieben stehen, ritten auf ihren Maschinen wie auf scheuenden Pferden, standen in den Pedalen, das Vorderrad in die Höhe gezogen und schlugen mit einem kräftigen Schlenker den Ball in ein Tor.

Bilder nie vergessen

"Das waren Artisten gewesen", meinte der Gast. Er habe diese Bilder eines faszinierenden Sports zum erstenmal in seinem Leben gesehen und nie mehr vergessen. Oft war er dann mit seinem Fahrrad zu den Rasenplätzen am Main hinuntergefahren und diese waghalsigen Burschen beim Radballspiel beobachtet, bis er dann eines Tages von hier wegzog. Einer dieser waghalsigen Burschen ist in dieser Woche 70 Jahre alt geworden: Peter Schmitt. Man zweifelt an der Richtigkeit seiner Altersangabe, wenn man den vitalen, vergnüglichen Menschen erzählen hört. Er und seine Kameraden Johann Schildge, Georg Astheimer, Jakob Jung, Heinrich Astheimer und Wilhelm Stiehl waren damals in dem kleinen Rüsselsheim sehr populär gewesen. Auf den Mainwiesen oder in der Turnhalle an der Parkschule hatten sich die Rüsselsheimer Buben mit ihren "Saal- oder Rasenmaschinen" zusammengefunden und einen Plan ausgeheckt: Sie, die Aktiven des RV Opel 1888, wollten sich nicht nur mit ihren Rädern auf dem Rasen oder Parkett die Zeit vertreiben, sie wollten mehr - sie wollten Deutsche Meister im Sechser-Rasenradball werden.

Den Meister entthront

Immer wieder übten sie die Technik, das Zusammenspiel und taktische Züge, luden gleichstarke Gegner zu Vergleichen ein und - sie gewannen. Hoffnungsvoll waren die sechs "Opelaner" mit Betreuern 1929 nach Köln zum Endrundenturnier gefahren. Sie galten als spielstark, geschickt und konditionsstark, und sie spielten die erwartete Rolle. Zwar schafften die sechs Rüsselsheim nur den zweiten Platz, doch ein Jahr später schon, 1930, bot sich die Revanche für das verlorene Spiel von Köln.

"Wir entthronten den Meister. Mit 4:1 schickten wir Mönchengladbach nach Hause", meinte Peter Schmitt trocken und augenzwinkernd fügte er hinzu: "Sie mußten ganz einfach verlieren, denn die Meister traten unter denkbar schlechten Vorzeichen an: ihnen passierte nämlich das gleiche Mißgeschick, wie uns ein Jahr zuvor: als plötzlich, kurz vor dem Anpfiff zum entscheidenden Spiel, alle umgedreht aufgestellten Gladbacher Räder umfielen." Ein schlechtes Omen? "Aber ja", versicherte Peter Schmitt, wir hatten doch ein Jahr zuvor auch verloren, und mit dem schelmischen Lächeln eines Lausbuben fügt er hinzu: "Niemand hat da gedreht oder gar ein bißchen nachgeholfen."

Die Sieger hören auf

Nach dem großen Sieg, der ersten Deutschen Meisterschaft, 1930, wurde es bald stiller um den RV Opel 1888. Peter Schmitt, gelernter Metzger, beendete 1936 seine sportliche Laufbahn, wie viele seiner Kameraden. Später eröffnete er eine Metzgerei in der Wembergstraße und widmete sich gänzlich seinem Geschäft und seiner Familie. Nur einer machte damals weiter: Wilhelm Stiehl.

Kenner des Rasenradball-Sports hatten es erwartet, für andere kam es völlig überraschend: Anfang der sechziger Jahre war der RV Opel 1888 plötzlich wieder im Gespräch. Es war wohl 1958 gewesen, als sich der Radfahrverein eines unvermuteten Zulaufs junger Rüsselsheimer Burschen erfreute. In zwei Jahren formierte sich eine junge, ungestüm vorwärtsdrängende Sechser-Radballmannschaft, die sich anschickte, dem Ruf des Altmeisters zu neuem Glanz zu verhelfen. Im Tor dieses hoffnungsvollen Teams, stand, vierundfünfzigjährig, Wilhelm Stiehl.

Der Lenker und Denker

Heinz Sauer heute: "Wilhelm Stiehl bedeutete für uns den halben Sieg. Er war der Kopf der Mannschaft, der Lenker und Denker des Spiels. Sein Wissen, seine Routine, gepaart mit unserem Idealismus und unserer Jugend, machte aus uns mehr als nur eine Durchschnittsmannschaft. Wir wußten das, und wir wollten mehr. Das Vereinsleben war intakt, die Maschinen, die wir fuhren, gehörten uns, wir trainierten 15 Stunden in der Woche, der sportliche Erfolg konnte nicht ausbleiben." Aber der Weg zu Meisterehren führte die Opelaner gegen eine Mannschaft, die vier Jahre lang das Endspiel verloren und jeweils nur Vizemeister geworden war: Sturmvogel Essen. 1961 sollte die Meisterkrone endgültig nach Essen gehen, daran sollten auch die Newcomer aus Rüsselsheim nichts ändern können.

Dramatisches Endspiel

Doch es kam anders. Die dramatischen Minuten vom 25. Juli 1961, der ersten gesamtdeutschen Meisterschaft der beiden konkurrierenden Radsportverbände, schilderte ein Sportberichterstatter so: "Nach 15 Minuten Pause kam es zum entscheidenden Spiel zwischen Essen und Rüsselsheim. Es war ein Kampf, der an Dramatik nicht zu übertreffen war. Die Rüsselsheimer wuchsen über sich hinaus, zeigten unvorstellbare Kraftreserven. In der 13. Minute schoß Daum einen Sieben-Meter-Strafball ein. Heinz Sauer, der kraftvolle Zerstörer, riß immer wieder den Sturm nach vorn. In der 18. Minute schaffte Essen durch einen Sieben-Meter-Strafball den Ausgleich. Mit großem Eifer rückten die Opelaner dem Essener Schlußmann zu Leibe, aber es wollte kein Tor fallen. Wilhelm Stiehl hielt zwei Bombenschüsse. Doch einige Minuten vor Spielende wurde Sauer regelwidrig im Raum gelegt. Heinz Daum schoß unhaltbar ein. Der RV Opel war Deutscher Meister 1961. Freudestrahlend fielen sich die Spieler um den Hals, sie konnte es kaum fassen, sie waren Deutsche Meister.

DEN ZWEITEN DEUTSCHEN MEISTERTITEL
in der Geschichte des RV Opel 1888 holten sich 1961
Wilhelm Stiehl, Hans Wagner, Heinrich Berkau, Heinz Sauer, Heinz Daum und Günther Voigt.

"Goldenes Jahrzehnt"

Dieser Sieg, der in so meisterlicher Art und Weise erkämpft wurde, war der Auftakt für ein "goldenes Jahrzehnt" des Rasenradball-Spiels in Rüsselsheim. In den folgenden zehn Jahren errangen die Athleten alle "Hessischen" und standen bis auf 1962, 1967 und 1968 in allen Endspielen um die Deutsche Sechser-Rasen-Radball-Meisterschaften. Viermal unterlagen sie, einmal jedoch schafften sie den ganz großen Sieg. Das war 1965. Heinz Sauer "Nachdem wir 1965 von Sieg zu Sieg geeilt waren, nirgendwo eine Niederlage einstecken mußten, fuhren wir als klare Favoriten zur Meisterschaft." Doch die acht Mitkonkurrenten des Endrundenturniers hatten sich viel vorgenommen. Sie waren zwar Gegner, aber im Streben vereint, dem großen Favoriten vom Main ein Bein zu stellen. Indes, es gelang ihnen nicht. Der RV Opel mußte zwar bangen, doch ein 1:0 durch Günther Voigt vor der Halbzeit reichte gegen einen überraschend starken Gegner aus Schwäbisch Gemünd zum Sieg. Trainingsfleiß und intensive Vorbereitungen hatten sich ausgezahlt.

Die Recken werden älter

Mit dem Schwarz-Rot-Goldenen Trikot des Meisters und noch intakten sieben von mitgenommenen 18 Radball-Maschinen wurden Heinz Sauer, Heinz Daum, Günther Voigt, Gustav Schreiber, Norbert Kraft und Heinrich Berkau in der Heimatstadt empfangen. Und der RV Opel spielte in den folgenden Jahren nicht nur gegen die sechs Gegner einer Mannschaft, sondern auch gegen die Bürde des Favoriten. Wo immer sie auf ihre Räder stiegen, wo immer sie antraten, erwartete sie die Verpflichtung ihres Rufes. Die Gelb-Schwarzen lockten viele Radballinteressierte in die Stadien der Veranstalter. Doch die Rüsselsheimer Recken wurden älter und der Nachwuchs blieb aus. Eine Deutsche Meisterschaft errangen die Rüsselsheimer Radartisten nicht mehr. Zwar wurden Heinz Sauer, Heinz Daum und Gustav Schreiber in die Nationalmannschaft der Sechser-Rasenradball-Vertretung berufen, doch über einen zweiten Platz bei "Deutschen" kam der RV Opel nicht mehr hinaus. Seinen letzten hessischen Titel holte sich der Verein 1971, dann verschwand der ruhmreiche RV Opel 1888 in der Mittelmäßigkeit. Der Versuch, junge, talentierte Spieler in die Mannschaft zu integrieren, scheiterte.

Heinz Sauer und zahlreiche andere Spieler stiegen vom Rad, das berühmte und von allen Spitzenmannschaften gefürchtete Opel-Sextett brach auseinander. Wilhelm Stiehl hatte den Vorsitz abgegeben, Heinz Sauer lenkte noch einige Jahre die Geschicke des Vereins. Dann gab er auch dieses Amt ab. Er, der Torschütze vom Dienst, wie ihn viele nannten, konzentrierte sich ganz auf seinen Beruf - eine verantwortungsvolle Position in der Produktionsvorbereitung bei Opel. Heute wohnt der 39 Jahre alte Heinz Sauer mit Ehefrau und Sohn in seinem Eigenheim in der Hans-Böckler-Straße. Das Vereinsschiff des RV Opel, das zehn Jahre lang unaufhörlich auf den Wogen des sportlichen Erfolges schaukelte, hofft heute auf die Wiederholung seiner ruhmreichen Geschichte. Vielleicht finden sich tatsächlich wieder ein Dutzend junge Männer, wie damals 1958, die wie sie Begeisterung und Ehrgeiz Für diesen Sport aufbringen. Sechs Freunde waren die Meister von gestern geworden. Übrigens: Freunde sind sie auch heute noch.

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